FAQ zum Kunstrasen-Gate

Das Thema „Verbot von Mikroplastik auf Kunstrasenplätzen“ wurde in den letzten Wochen ziemlich heiß gekocht. Aus diesem Grund haben wir die wichtigsten Informationen und Hinweise, die Sachsens Vereine zu dieser Problematik aktuell wissen sollten, in einem kleinen FAQ zusammengepackt.

Durch die Wucht des Balles beim Aufprall auf den Boden sieht man kleine Granulat-Kügelchen hochfliegen.

In Sachsen gibt es ca. 230 Kunstrasenplätze. Zusätzlich gibt es noch eine Vielzahl Kleinfelder, auf denen ebenfalls Kunstrasen verbaut ist. Foto: SFV

Neben den Informationen bzw. Stellungsnahmen der ECHA (Europäischen Chemikalienagentur) und der EU, haben wir mit Tobias Müller, seines Zeichens Leiter der Marketing- und Kommunikationsabteilung des Kunstrasenanbieters Polytan, gesprochen, um die Problematik von allen Seiten beleuchten zu können und so transparent wie derzeit möglich zu machen.

 

Frage 1: Plant die EU ein Verbot von Kunstrasenplätzen – Ja oder nein?

Erstmal Entwarnung nach all den Meldungen. Die EU plant laut eigener Aussage kein Verbot von Kunstrasenplätzen. Diskutiert wurde über das Gummi-Granulat und dessen Austrag, mit welchem die Mehrzahl unserer Kunstrasenplätze verfüllt ist. Denn diese kleinen, feinen Kügelchen fallen in die Kategorie „Mikroplastik“. Im Rahmen ihrer Kunststoffstrategie lässt die Europäische Kommission derzeit durch die ECHA (Europäische Chemikalienagentur) untersuchen, wie die Menge an umweltschädlichem Mikroplastik in unserer Umwelt verringert werden kann. Ergebnisse werden im Frühjahr 2020 erwartet.

 

Frage 2: Wie ist der aktuelle Stand zum Verbot von Mikrogranulat auf Kunstrasenplätzen?

Eine endgültige Entscheidung gibt es derzeit noch nicht. Auch hat die ECHA einen gewissen Bestandsschutz im Blick und erklärt in ihrer Stellungnahme: „Mit diesem Schreiben wollen wir klarstellen, dass existierende Plätze nicht sofort vom Verbotsvorschlag betroffen wären. Der Spielbetrieb auf den bestehenden Plätzen könnte fortbestehen.“ Jedoch gibt es auch eine Einschränkung: „Allerdings wäre deren Unterhalt vom Verbotsvorschlag betroffen, wenn die Bestände von bisherigem Füllmaterial aufgebraucht wären.“ So prüft die ECHA in diesem Zusammenhang ebenfalls technische Maßnahmen, die den Granulataustrag verhindern können und geeignete Übergangsfristen zur Umrüstung, falls es zukünftig zu einem Verbotsvorschlag des Granulats kommen sollte.

Bis 20. September können bei der ECHA noch Beiträge zur Prüfung eingereicht werden. Dazu ist jeder berechtigt, da es eine öffentliche Konsultation ist. Zudem wird das Fraunhofer-Institut, welches mit seiner Studie ebenfalls noch einmal ordentlich Salz in die Suppe gestreut hat, diese noch einmal überarbeiten. Das Institut gab zu, dass es sich bei den jährlich 8.000 bis 10.000 Tonnen Granulat, die angeblich von den Kunstrasenplätzen in die Umwelt getragen werden, nur um eine Schätzung handelt, die empirisch nicht belegt ist. Bei dieser angegebenen Menge müssten von unseren 3500 Plätzen in Deutschland pro Platz ca. drei Tonnen im Jahr abgetragen werden. Eine Zahl, die sich laut Polytan weder mit den Aussagen der Platzeigentümer noch mit den nachbestellten Mengen an Granulat zum Nach-Verfüllen deckt.

Zudem weist Tobias Müller von Polytan darauf hin, dass die Kunstrasenhersteller in Deutschland stetig in die Forschung investieren und sich weiterentwickeln, um die Verwendung von synthetischem Kautschuk auf 0 % im Granulat zu reduzieren. „Wir verkaufen derzeit hauptsächlich zwei Granulate, die beide zu 70 % aus Naturstoffen, wie Kreide und Hanf, bestehen und zu 30 % aus synthetischem Kautschuk. Beide Varianten erfüllen die Spielzeugnorm.“, erklärt Müller. Zudem hält er den Bereich der Rückhaltesysteme an Sportanlagen noch für ausbaufähig. „Ein mittelfristiger Lösungsweg ist jetzt auf jeden Fall die Installation von noch mehr Rückhaltesystemen, wie Abflussrinnen mit Filteranlagen, Abklopfgitter und Bürstensysteme für Schuhe usw.“ So könnte das Granulat aufgefangen und entsorgt bzw. bei guter Beschaffenheit wieder auf den Platz gebracht werden.

 

Frage 3: Welche Alternativen gibt es derzeit auf dem Markt?

Aktuell spricht der Experte von drei Alternativen. Zum einen gibt es die Möglichkeit den Kunstrasen ausschließlich mit Quarzsand zu verfüllen. „Das ist quasi wie früher. In den Anfangszeiten des Kunstrasens war dieser nur mit Sand verfüllt. Das ist eine Alternative, bei der jedoch der Spielkomfort sinkt, die Verletzungsgefahr steigt und auch eine gewisse Dämpfung nicht gegeben ist."

Variante 2 ist eine Verfüllung des Kunstrasens mit Kork. Auf einer dünnen Schicht aus Quarzsand (zur Beschwerung) wird Granulat aus 100 % umweltfreundlichem Kork verfüllt. In Bremen gibt es einige dieser Kunstrasenplätze bereits, beim SV Liebertwolkwitz auch bald. Wie gut Kork sich als Alternative zu dem Gummigranulat macht, werden die Erfahrungen dieser Vorreiter zeigen. Fakt ist, sagt Polytan-Marketingleiter Müller, dass „das geringe Gewicht von Kork zum Nachteil werden könnte. Bei Nässe kann sich das Granulat eventuell auf dem Platz bewegen oder vom Platz schwimmen. Bei Sommerhitze reibt es sich schneller ab, als das Gummigranulat. Somit sind die Nachfüllmengen wahrscheinlich etwas höher. Generell kommt es auch auf eine gute Pflege des Kunstrasens an, da Kork bei widrigen Wetterbedingungen und viel Schmutz auf dem Platz auch schimmeln kann. Das sind einige Erfahrungswerte, aber auch definitiv nicht die Regel.“

Die dritte Alternative, die nach Aussagen von Polytan schon einige Hersteller anbieten, ist unverfüllter Kunstrasen. „Ähnlich wie beim Rasenhockey, arbeitet dieses System nur mit einer dünnen Schicht Quarzsand zum Beschweren. Anstatt Füllmaterial wird mehr Garn im Kunstrasen verwebt, was mehr Volumen und eine entsprechend bespielbare Oberfläche erzeugt.“ Müller sagt klar: „Das ist teurer in der Produktion als die anderen Möglichkeiten, jedoch muss nichts nachgefüllt werden. Das erspart auch einige Kosten. Es kann auf jeden Fall eine wirkliche Alternative zum Gummigranulat werden, jedoch ist diese Variante noch nicht so ausgetestet, wie die anderen. Dazu brauchen wir noch Zeit. Mit den angestrebten Übergangsfristen im Falle eines Verbotes, wäre uns diese gegeben.“ Auch bei dieser Variante spielt gute Pflege, beispielsweise die Bewässerung bei großer Hitze, eine wichtige Rolle.

 

Fraget 4: Gibt es Empfehlungen für eine der Alternativen?

Konkrete Empfehlungen können derzeit noch nicht ausgesprochen werden. Dazu ist der Erfahrungsschatz mit den bestehenden Alternativen noch zu gering und die neuen Systeme noch zu wenig ausgetestet. „Beobachtet werden müssen die Lebensdauer und die Strapazierfähigkeit der Alternativen zum Gummigranulat mit Sand. Auch der Spielkomfort, Verletzungsschutz, die Dämpfung und die Elastizität müssen getestet und geprüft werden“, fasst Müller zusammen.

Aber auch ohne aktuelle Empfehlung gibt es noch keinen Grund zu Panik. Die Plätze müssen nicht sofort umgerüstet werden und neue Systeme werden mit Hochdruck getestet und weiterentwickelt. Sollte ein Verein dennoch demnächst auf 100 % umweltweltfreundliches Material umsteigen wollen, wäre eine Umrüstung technisch möglich und längst nicht so teuer, wie in den Medien publiziert wurde, meint Müller abschließend. „Das Gummigranulat kann vom System entfernt werden, der Aufwand richtet sich nach der Rasenbeschaffenheit, aber ein Ausbürsten und Neuverfüllen ist möglich.“

Für die Zukunft sind noch einige Fragen offen und auch die Ergebnisse der ECHA bleiben abzuwarten. Allgemeiner Konsens unter allen Beteiligten herrscht sicherlich jedoch in dem Bewusstsein, dass die Sportplätze bei der Förderung von körperlicher Bewegung, Gesundheit und sozialer Integration eine herausragende Rolle in unserer Gesellschaft spielen und aus diesem Grund alles für ihre Erhaltung und ihren Fortbestand getan werden muss.

 

[Luise Böttger]