Vera Ohlendorf von "Queeres Netzwerk Sachsen" im Interview

Heute jährt sich zum 76. Mal der Tag, an dem die Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurden. Dies ist Anlass in Demut und Respekt der Opfer, der Überlebenden und ihrer Familien zu gedenken.

© !Nie wieder

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In diesem Jahr gedenkt die Fußballfamilie besonders der Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität als „Abartige und Homosexuelle“ stigmatisiert und brutal verfolgt wurden. Aus diesem Anlass haben wir Vera Ohlendorf, Projektmitarbeiterin bei "Queeres Netzwerk Sachsen", ein paar Fragen zu dem diesjährigen Hauptthema gestellt.

Vera Ohlendorf, Sie sind Projektmitarbeiterin bei der Fachstelle „Queeres Netzwerk Sachsen“. Können Sie kurz die Aufgaben, Angebote und Ziele dieses Projekts beschreiben?

Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Queeres Netzwerk Sachsen, gegründet 2016, ist der Dachverband der sächsischen Organisationen und Vereine, die sich für die gleichberechtigte Teilhabe von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Menschen (LSBTIQ*) einsetzt. Derzeit hat der Dachverband 17 Mitglieder. Die LAG vertritt deren Interessen landesweit vor Ministerien, Behörden und Fachpolitiken des Freistaats Sachsen und arbeitet mit zivilgesellschaftlichen Verbänden, Institutionen und Unternehmen zusammen. Da LSBTIQ* in allen gesellschaftlichen Bereichen Realität sind, beschäftigen wir uns mit unterschiedlichen Themen, beispielsweise mit den Feldern Bildung, Gesundheit, Arbeitswelt, Pflege, Familie oder eben auch mit dem Sport.

Homophobie und Sexismus sind gesellschaftliche Probleme und tragen sich leider auch im Sport zu. Gibt es belastbare Statistiken zu Vorfällen im Sport und wie würden Sie die Situation im Fußball im Vergleich zu anderen Sportarten einschätzen? Immerhin verfügt der Fußball mit dem DFBnet-Spielberichtsbogen über ein Instrument, Verfehlungen überhaupt zu erfassen. Wie steht es da um andere Sportarten?

Seit 2020 gibt es dank der Studie „Outsport“ der Sporthochschule Köln und weiterer Projektpartner*innen belastbare Daten zu LSBTIQ*-Feindlichkeit im Breitensport in Deutschland und Europa. Sie zeigen: Im Sport ist ein offener und akzeptierender Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt nach wie vor nicht selbstverständlich. Äußerungen wie „schwuler Pass“, abwertende Witze und offene Diskriminierungen sind verletzend und können dazu führen, die Identität oder sexuelle Orientierung im Sport zu verbergen oder auf die Nutzung von Angeboten zu verzichten. Auch Sexismus bzw. Frauen*-Feindlichkeit ist im Sport generell weit verbreitet und zeigt sich beispielsweise dann, wenn der Frauensport mit weniger finanzieller Förderung auskommen muss oder wenn z.B. Frauenteams im Hochleistungssport deutlich schlechter bezahlt werden als Männerteams.

Der Sport ist insgesamt durch die Unterscheidung von zwei Geschlechtern und einer starken Körperbezogenheit geprägt. Das zeigt sich etwa auch darin, dass Trans* Personen in vielen Sportarten gemäß Geschlecht nicht zugeordnet werden bzw. ihre Zuordnung von anderen nicht akzeptiert wird. Inter* und nicht-binäre Menschen können meist nur am Wettkampfsportbetrieb im Breitensport teilnehmen, wenn sie sich als „männlich“ oder „weiblich“ zuordnen. Die Geschlechtskategorie „divers“ bzw. der offene Geschlechtseintrag finden bisher kaum Berücksichtigung. Darüber hinaus stellt die Nutzung von Sanitär- und Umkleideräumen, von Schwimmhallen oder Saunen für viele Trans*, Inter* und nicht-binäre Personen eine Zugangsbarriere dar.

Im Fußball, auch in Sachsen, passiert aus meiner Sicht schon einiges. Zum Beispiel unterzeichnete 2019 RB Leipzig die Berliner Erklärung und setzt sich damit gegen Homofeindlichkeit und für Vielfalt, Akzeptanz und Respekt im Sport ein. Die Initiative zur Unterzeichnung ging vom ersten schwul-lesbischen Fanclub von RB Leipzig aus. Zudem ist der Berliner Fußballverband meines Wissens nach die erste Sportinstitution dieser Größe, die Menschen mit dem Geschlechtseintrag „divers“ bzw. dem offenen Geschlechtseintrag die Wahl überlässt, ob sie in Männer- oder Frauenteams eine Spielberechtigung erwerben. Der DFB nutzt seit längerem eine geschlechterinklusive Sprache und hat zudem Ansprechstellen geschaffen. Auch der Spielberichtsbogen ist ein tolles Instrument, um Diskriminierungen und Gewalt einzudämmen. Der Fußball hat in Deutschland insgesamt eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung und ist deshalb auch besonders gefragt, Maßnahmen zu ergreifen. Auch andere Sportarten versuchen hier, erste Schritte zu gehen. Gleichwohl gibt es nach wie vor keinen offen schwulen Spieler in der ersten oder zweiten Bundesliga. Thomas Hitzlspergers Coming Out erfolgte erst nach seiner aktiven Zeit. In Interviews hat er von Hürden innerhalb der Vereine und Verbände, aber auch in den Medien, der Fankultur und der Gesamtgesellschaft berichtet, die es schwulen Fußballern erschweren, offen zu leben. Hier ist nach wie vor noch viel zu tun, um Barrieren abzubauen.

Fußball ist erfahrungsgemäß sehr emotional und es gibt immer wieder Akteure, die über das Ziel hinausschießen. Nicht selten kommt es bei der Bewertung von Vorfällen auch zu juristischen Beurteilungen, die sich unter Umständen von moralischen unterscheiden. Welche Attribute müssen erfüllt sein, um einen Vorfall als homophobe/sexistische Beleidigung einzustufen?

Das ist eine komplexe Frage. Eine Beleidigung ist bereits dann gegeben, wenn Äußerungen der Missachtung, Geringschätzung oder Nichtachtung gegenüber einer anderen Person erfolgen. Hierbei ist der Kontext wichtig: „Schwul“ ist beispielsweise nicht per se ein Schimpfwort, sondern eine wertfreie (Selbst)-Bezeichnung in Bezug auf die sexuelle Orientierung. Das Wort wird aber häufig in sehr abwertender Weise verwendet und ist nach wie vor eines der verbreitetsten Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass sich Vereine und deren Verantwortliche mit diskriminierenden Strukturen und Phänomenen wie Ausgrenzung, Rassismus, Sexismus und Homo- bzw. Trans*feindlichkeit auseinandersetzen und eine Null-Toleranzstrategie fahren, also diffamierende Äußerungen nicht als „über das Ziel hinausgeschossen“ verharmlosen, sondern aufarbeiten bzw. solche Äußerungen grundsätzlich untersagen. Gleichzeitig können Verbote und strikte Regeln natürlich nicht allein dieses grundlegende Problem lösen, das ja auch ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

Beim SFV nimmt sich die AG Fair Play und Gewaltprävention dieser Problematik an und arbeitet Vorfälle mit den Betroffenen auf. Auch der DFB hat Kampagnen, die sich gegen Sexismus und Homophobie richten. Wie schätzen Sie diese Aktivitäten ein und was können Vereine/Verbände noch tun?

Diese Aktivitäten sind unbedingt zu begrüßen. Vereine und Verbände sollten nicht nur reagieren, wenn diskriminiert wurde. Die Maßnahmen müssen vorher ansetzen. Es ist wichtig sich zu fragen: Wie kann im Verein oder im Verband ein Klima der Akzeptanz geschaffen werden, in dem sich Teamzugehörige und Publikum gleichermaßen wohlfühlen? Wie können alle Angebote für vielfältige Gruppen zugänglich gemacht werden, die sich heute vielleicht noch nicht angesprochen fühlen? Wie können bestimmte Zielgruppen davon erfahren, dass sie willkommen sind und ihre Bedürfnisse gesehen und akzeptiert werden? Wie ist ein barrierearmes Sporttreiben für alle möglich und welche Hürden können ggf. gemeinsam abgebaut werden? Gerade im Bereich der geschlechtlichen Vielfalt genügt es nicht, gegen Beleidigungen aktiv zu werden, da die Strukturen bisher auf Zweigeschlechtlichkeit ausgelegt sind und der gesellschaftlichen Realität nicht entsprechen. Strukturelle Hürden gibt es beispielsweise auch für Menschen, die behindert sind bzw. werden und für Menschen, die Rassismus erfahren.

Mittlerweile hat die Sozialkompetenz einen hohen Stellenwert in der Aus- und Fortbildung von Trainerinnen und Trainern. Sind wir da auf dem richtigen Weg?

Eine hohe Sozialkompetenz ist aus meiner Sicht für alle Trainer*innen in allen Sportarten eine unbedingte Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit. Entsprechende Trainings sind sehr wichtig, können aber nicht die einzigen Maßnahmen bleiben. In Sportvereinen und Verbänden besteht aktuell zu wenig Wissen über Lebenslagen von LSBTIQ*, weshalb Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden und vielfach Berührungsängste bestehen. Im letzten Jahr kam uns zum Beispiel zu Ohren, dass in einzelnen Teams Konflikte entstanden, nachdem sich Personen als Trans* geoutet hatten und anfingen, Hormone zu nehmen. Sie wurden dann plötzlich als „Problemfälle“ und „Störungen im System“ wahrgenommen, obwohl sie seit Jahren im Verein aktiv waren. In solchen Fällen helfen Kompetenzen für die akute Konfliktlösung nur bedingt weiter. Hier braucht es eine Auseinandersetzung auf jeder Ebene des organisierten Sports und verbindliche Regelungen. Der DOSB und der DFB haben hierbei einen guten Weg eingeschlagen.

Mit der AG Fair Play haben wir einen Anlaufpunkt für Betroffene. Wie können wir erreichen, dass dieses Angebot noch intensiver genutzt wird und an wen können sich Menschen, Vereine und Betroffene noch wenden, die Unterstützung benötigen?

Das Angebot der AG Fair Play halte ich für sehr positiv. Als ich mir die Informationen dazu auf der Webseite angeschaut habe, ist mir aber aufgefallen, dass beispielsweise sexuelle Orientierung oder Geschlecht nicht klar als Diskriminierungsgründe genannt werden. Nur Rassismus wird hier erwähnt (was sehr wichtig ist), sonst wird im Meldebogen aber allgemein von Gewalt und Diskriminierung gesprochen. Als queere Person wäre ich mir im Fall einer Diskriminierungserfahrung hier unsicher, inwiefern ich bei der AG Fair Play wirklich auf Mitarbeiter*innen treffe, die sich mit meiner Lebensrealität auskennen und mein Anliegen ernst nehmen. Diese Unsicherheit kann genommen werden, wenn das eigene Angebot klarer beschrieben wird. Zugleich scheint es mir wichtig, das Thema sexuelle und geschlechtliche Vielfalt generell in alle Fort- und Weiterbildungen für Trainer*innen und Vereinszugehörige einzubinden und immer wieder im Verein zu thematisieren. Entsprechende Antidiskriminierungsgrundsätze sollten klar in Satzungen und Leitbildern verankert sein.

Als Anlaufstellen gibt es die genannten Ansprechpersonen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt beim DFB, die Beratung und Bildungsangebote bieten. Auch das Bildungswerk des Landessportbunds Sachsen hält seit 2020 ein Bildungsangebot für Vereine im Bereich sexuelle und geschlechtliche Vielfalt vor. Für psychosoziale Beratung und Gruppenangebote außerhalb des Sports können Sportvereine in Sachsen auch an die queeren Vereine RosaLinde Leipzig e.V., Gerede e.V. Dresden und den different people e.V. in Chemnitz verweisen.

Von SFV