Amateurfußball im Wandel

Verändertes Freizeitverhalten, attraktive Alternativangebote und vor allem der demografische Wandel stellen die sächsischen Fußballvereine vor große Herausforderungen. Mit diesem Tool kann jeder Klub konzeptionell in die Zukunft schauen.

(DFB)

Weniger Kinder, weniger Mannschaften, weniger Mitglieder – der gesellschaftliche Wandel stellt viele sächsische Vereine vor existenzielle Probleme. Neben der Flexibilisierung der Lern- und Arbeitswelt, einem allgemeinen Wertewandel in der Gesellschaft und einem sich verändertem Freizeitverhalten bereiten Nutzungsbeschränkungen für Sportstätten, die öffentlichen Finanzen und insbesondere die demografische Entwicklung den Vereinsverantwortlichen Kopfzerbrechen.

Oberstes Ziel des Sächsischen Fußball-Verbandes ist es, die fußballsportlichen Angebote der Vereine trotz dieser gegebenen Rahmenbedingungen dauerhaft zu erhalten und möglichst attraktiv zu gestalten. Gemeinsam mit dem DFB wurde unter der Überschrift „Masterplan“ ein umfangreiches Maßnahmenpaket geschnürt, um den Amateurfußball in Deutschland nachhaltig weiterzuentwickeln.

Controlling-Instrument für den Amateurfußball in Sachsen

Vereinssportliche Angebote im Freistaat können nur mit und für die Menschen gestaltet werden, die in Sachsen leben. Das Wissen um die demografische Entwicklung und deren Auswirkungen auf den Fußball ist daher eine substanzielle Grundlage für zukünftige Projekte. Um dieses Wissen fundiert zu erschließen und aufzubereiten, hat der SFV mit dem „Demografiemonitor“ ein deutschlandweit einzigartiges Prognosetool entwickelt. Einwohner-, Mitglieder- und Mannschaftszahlen sind dank der Initiative des Jugendausschussvorsitzenden Jens Vöckler nun als Webanwendung jederzeit, überall und immer aktuell auf demografie.sfv-online.de abrufbar.

Gespickt mit Daten des Statistischen Landesamtes Sachsen bietet der Demografiemonitor im Bereich „Einwohnerstatistik“ zunächst eine Zusammenstellung der sächsischen Einwohnerzahlen nach Kreisen in ihrer bisherigen und in der prognostizierten Entwicklung. Darauf aufbauend sind im Bereich „Mitgliederstatistik“ die Mitglieder- und Mannschaftszahlen aus der jährlichen Bestandserhebung der Vereine erfasst. Alle Daten sind jeweils landesweit und einzeln für jeden der 13 Kreisverbände nach den fußballrelevanten Altersklassen und nach Geschlecht differenziert aufbereitet.

Aus der prognostizierten Entwicklung der Einwohnerzahlen, welche aus der ‚6. Regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung des Freistaates Sachsen‘ stammen, lassen sich mittels einer in die Zukunft gerichteten Fortschreibung des Organisationsgrades* Schlussfolgerungen für die zu erwartende Entwicklung der Mitglieder- und Mannschaftszahlen ableiten.

Aus den Daten lassen sich u.a. folgende Erkenntnisse gewinnen:

1. Bevölkerungsrückgang

Die Bevölkerung in Sachsen wird insgesamt weniger: von 4,9 Millionen Menschen im Jahr 1990 auf derzeit 4,1 Millionen und auf vorausgeschätzt 4,0 Millionen im Jahr 2030.

Dies hatte beispielsweise zur Folge, dass die Zahl der A-Junioren-Mannschaften in Sachsen von 535 im Spieljahr 2000/01 (Höchststand) auf 160 im Spieljahr 2012/13 (Tiefststand) zurückgegangen war. Seither ist die Mannschaftszahl bei den A-Junioren wieder moderat auf gegenwärtig rund 200 Mannschaften angewachsen.

2. Regionale Unterschiede in der Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung verläuft regional differenziert: in den Landkreisen sind abnehmende Einwohnerzahlen, in den Großstädten Dresden und Leipzig zunehmende Einwohnerzahlen zu verzeichnen.

Dementsprechend kann beispielsweise im FV Stadt Leipzig ein Anstieg der Jungen-Mannschaften (F- bis A-Junioren) von derzeit 425 auf rund 600 Teams im Spieljahr 2025/26 erwartet werden, während im benachbarten Nordsachsen nur ein leichter Zuwachs von derzeit 137 auf rund 150 Teams erwartbar ist. Derweil die Flächenkreisverbände insbesondere in den Altersklassen B- und A-Junioren damit vor der Herausforderung stehen, für wenige Mannschaften sinnvollen Spielbetrieb zu organisieren, steht in den Großstädten zunehmend die Frage der ausreichenden Verfügbarkeit von Sportanlagen für den Trainings- und Spielbetrieb im Raum.

3. Altersgruppenabhängige Entwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung verläuft auch in den einzelnen Altersgruppen sehr unterschiedlich. Bis zum Jahr 2030 wird die Zahl der Kinder unter 6 Jahren wieder abnehmen, die Zahl der Jugendlichen hingegen wächst stark (A- und B-Junior/innen sachsenweit von ca. 124 000 auf ca. 149 000). Die Zahl der 19- bis 31-Jährigen sinkt erheblich ab (von ca. 560 000 auf ca. 500 000) und die Zahl der über 60-Jährigen steigt deutlich an (von ca. 1,27 Millionen auf ca. 1,41 Millionen).

Dies führt u.a. dazu, dass die Zahl der Herren-Mannschaften in den kommenden zehn Jahren von derzeit 1.283 um rund 200 Teams absinken wird. Zweite und dritte Herren-Mannschaften werden daher zunehmend aus dem Spielbetrieb verschwinden, das Modell der Spielgemeinschaften wird auch im Herrenbereich populärer werden und ganz kleine Vereine werden möglicherweise auch existenzielle Probleme bekommen. Zugleich steigt das Potenzial für die Bildung von Mannschaften mit älteren Fußballer/innen.

4. Höherer Organisationsgrad bei Kindern und Jugendlichen

Der Organisationsgrad im Jugendbereich ist deutlich höher als bei den Erwachsenen. Beispielsweise sind 27 % der 9- und 10-jährigen Jungen (E-Junioren), 23% der 13- und 14-jährigen Jungen (C-Junioren), 14 % der 17- und 18-jährigen Jungen (A-Junioren) aber nur 7,5 % der 19- bis 31-jährigen Männer aktives Mitglied in einem Fußballverein.

5. Benötigte Spieler pro 1.000 Einwohner

Mannschaftsbezogen entfallen rund 23 E-Junioren, 12 C-Junioren, 6 A-Junioren und 4 Herren-Mannschaften auf jeweils 1.000 Einwohner der entsprechenden Altersgruppe. Im Umkehrschluss bedeutet das, für die Bildung einer E-Junioren-Mannschaft sind durchschnittlich 43 Jungen (9/10 Jahre) erforderlich. Für die Bildung einer C-Junioren-Mannschaft benötigt man hingegen durchschnittlich 84 Jungen (13/14 Jahre), für die Bildung einer A-Junioren-Mannschaft durchschnittlich 160 Jungen (17/ 18 Jahre) und für die Bildung einer Herren-Mannschaft durchschnittlich 230 Männer (19 bis 31 Jahre) der im betrachteten Gebiet lebenden Einwohner.

6. Erschwerte Bedingungen für Frauen- und Mädchenteams

Im weiblichen Bereich liegt der Organisationsgrad bei lediglich 1,7 Prozent (Mädchen bis 16 Jahre) bzw. 0,7 Prozent (Frauen, 17 bis 30 Jahre). Für die Bildung einer Mannschaft sind damit durchschnittlich 1.400 Mädchen (D- bis B-Juniorinnen) bzw. durchschnittlich 2.000 Frauen (17 bis 30 Jahre) erforderlich.

Der SFV-Demografiemonitor ist mit Beginn des Spieljahres 2014/15 online gestellt worden und wird seitdem jährlich mit den aktuellen Daten fortgeschrieben. Er ermöglicht es den Verbänden, die in den kommenden Jahren im jeweiligen Verbandsgebiet zu erwartenden Mitglieder- und Mannschaftszahlen abzuschätzen und entsprechende Schlussfolgerungen für die Gestaltung der Wettbewerbsangebote abzuleiten.

Text: Jens Vöckler

 

*Mit dem Organisationsgrad wird das Verhältnis der Zahl der Mitglieder zur Zahl der Einwohner in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe beschrieben. Er bildet damit unabhängig von der demografischen Entwicklung ab, wie gut (oder schlecht) Sportvereine in der Lage sind, Vereinsmitglieder zu binden und zu gewinnen, und gibt somit indirekt auch Auskunft über die Attraktivität der Vereins- und Verbandsangebote. In dem Maße, wie es gelingt, den Organisationsgrad zu halten oder gar zu erhöhen, können demografisch und infrastrukturell bedingte Bevölkerungsrückgänge auch in Zukunft kompensiert und gegebenenfalls sogar in Wachstum umgekehrt werden.